Dienstag, 27. Oktober 2020
Arbeitsgemeinschaft Landtechnik und Landwirtschaftliches Bauwesen in Bayern e.V.

Kompostierungsställe in der Praxis

Rückblick auf zwei eintägige Lehrfahrten am 23. und 24. Oktober 2019 in Oberösterreich und Südbayern

Die ALB hat es sich zur Aufgabe gemacht, gemeinsam mit Fachberatern und Betriebsleitern vorhandenes Wissen und praktische Erfahrungen rund um das Thema "Kompostierungsställe" zu sammeln und aufzubereiten, um es interessierten Landwirten zur Verfügung zu stellen.

Obwohl es sich beim Kompostierungsstall um eine Nische innerhalb der gängigen Freilaufstallformen handelt ist derzeit das Interesse der Landwirte an diesem Stallsystem groß. In der öffentlichen Diskussion um Tierwohl, Emissionen, Humusaufbau (Bodenfruchtbarkeit, CO2-Senke) und Düngeproblematik scheint der Kompostierungsstall Lösungen anzubieten, nach denen viele Tierhalter suchen. Noch fehlen jedoch wissenschaftliche Studien zum Kompostierungsstall, und mit rund 150 Betrieben in Bayern und Österreich ist die Zahl praktizierender Betriebe bisher gering.

Nach dem ausgebuchten Seminar "Kompostierungsställe managen" im März 2019 in Weichering bei Ingolstadt lässt die ALB in Zusammenarbeit mit den bayerischen Fachzentren für Rinderhaltung den theoretischen Grundlagen, die in diesem Seminar vermittelt wurden, nun Beispiele für deren praktische Umsetzung folgen. Wer sich bislang noch nicht mit dem Thema Kompostierungsstall beschäftigt hat, dem sei zum besseren Verständnis das vorliegende Beratungslbatt "Kompostierungsställe managen" empfohlen, das auf dem genannten Grundlagenseminar basiert und kostenlos unter www.alb-bayern.de/baf3 abgerufen werden kann. In dem Beratungsblatt wurde übrigens im November 2019 das Kapitel "Einordnung von Stallkompost - rechtliche Situation" überbeitet. Dies geschah in enger Abstimmung mit der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL).

Insgesamt sechs Milchviehbetriebe unterschiedlicher Größe und Bewirtschaftungsform wurden am 23. und 24. Oktober 2019 in Oberösterreich und Oberbayern besichtigt. Sie zeichnen sich durch ein individuelles, der jeweiligen Betriebssituation angepasstes Kompostmanagement aus. Unter den gut 80 Teilnehmern an beiden Tagen fanden sich überwiegend konventionelle Landwirte, von denen der größte Teil auch Wald bewirtschaftet. Etwa ein Viertel der Teilnehmer plant derzeit einen Stallneubau. Der Kompostierungsstall wird hierbei als interessante Alternative zum Liegeboxenlaufstall betrachtet. Die Tierbestände der Teilnehmer lagen zwischen 20 bis über 100 Milchkühe.

Die ALB Bayern e.V. bedankt sich an dieser Stelle ganz herzlich bei allen Betriebsleitern, die sich bereit erklärt haben, im Rahmen der beiden eintägigen Lehrfahrten ihre Ställe vorzustellen. Sie haben Einblick in ihre Betriebsabläufe gewährt und ihre Erfahrungen rund um das Thema Kompostierungsstall mit interessierten Landwirten und Beratern geteilt.

Es folgt eine Beschreibung der besichtigten Betriebe mit viele Bildern und Impressionen. Ein ausführlicheres Praxisblatt mit Zahlen und Fakten wird dann im Frühjahr 2020 veröffentlicht.

1 Tag: 23. Oktober 2019 in Oberösterreich

1. Betrieb: Gerlinde u. Florian Enzenhofer, Vorderweissenbach in Oberösterreich

Florian Enzenhofer gehört zu den Kompostierungsstall-Pionieren in Österreich. Er betreibt seinen Stall als gemischtes System: Jungvieh, Kalbinnen und die Trockensteherinnen sind in Hochboxen mit Fress- und Laufgang aufgestallt, die (frisch-) laktierenden Kühe stehen bzw. liegen auf der Kompostierungsfläche im hinteren Teil des Stalls.

Bei nur 5 Quadratmeter Liegefläche pro Tier sind die Kot- und Harneintragungen in die Kompostmatraze sehr hoch. Mit großem Geschick und Know-How gelingt es dem Betriebsleiter trotz der hohen Besatzdichte, den Heißrotte-Prozesse optimal zu managen. Die Kompostmatratze weist eine günstige Struktur auf. Von der Kompostierungsfläche haben die Kühe freien Zugang zur Weide. Geruch, pH-Wert und Temperatur des Kompost zeigen, ob der Heißrotte-Prozess richtig verläuft. Die Milchleistung liegt bei 10.000 Liter Stalldurchschnitt, die Tiergesundheit ist auf sehr hohem Niveau.

2. Betrieb: Holstein-Bachschweller GmbH, Andorf in Oberösterreich

Der Kompostierungsstall von Frau Angela Stöckl wurde 2014 für 150 Milchkühe gebaut. Neben der Milchwirtschaft trägt ihre renommierte Zucht schwarz-bunter Holsteins zum Betriebseinkommen bei. Der Stall ist mit zwei Melkrobotern und moderner Fütterungstechnik ausgestattet, so dass die Betriebsleiterin mit nur 1 AK die Betreuung der Herde leisten kann. Das Doppel-AMS von Lely liefert der gleichzeitig die Gesundheitsdaten der Kühe.

Als Einstreu-Material verwendet die Betriebsleiterin geschredderte Baumrinden und die organischen Abfälle (Wurzelstöcke u.ä.), die sie von der Baumschule ihre Mannes Valentin Stöckl beziehen kann. Der Übergang zwischen Fressgang und Liegebereich besteht aus Einstreu-Rampen, auf Treppen wurde verzichtet. Außerdem gibt es einen abgetrennten Bereich mit Stroh als Einstreu, der auch zum Abkalben dient.

Zum Zeitpunkt der Lehrfahrt war der Zustand des Komposts so, dass Management-Maßnahmen erforderlich waren: Die pH-Messung ergab einen Wert von nur 6,5-7, die Prozesswärme in ca. 20 cm Tiefe lag unter 40 Grad. Beim Gehen sanken die Tiere stark ein, die Kompostmatratze wirkte verdichtet. Als korrigierende Maßnahme empfahl Berater Siegfried Holzeder, die Bodenbearbeitung mit der Fräse vorübergehend von einmal auf dreimal täglich zu erhöhen. Damit steigt die Sauerstoffzufuhr und in Folge auch die Prozesstemperatur, so dass der Heißrotteprozess wieder die gewünschten Effekte liefert.

3. Betrieb: Stefan Enzenhofer, Bad Leonfelden in Oberösterreich

Der Stall von Stefan Enzenhofer wurde 2010 als klassischer Kompostierungsstall in Rundholzbauweise errichtet. Die offenen Fronten lassen sich mit Curtains schließen. Nach einer drastischen Erhöhung der Holzpreise im Winter 2013/2014 sah sich der Betriebsleiter gezwungen, einen Teil des Stalls zum Liegeboxenlaufstall umzubauen. Von der 65 Tiere starken Herde stehen bzw. liegen heute die Trockensteherinnen, die hochträchtigen und die frisch laktierenden Kühe auf Kompost, die anderen sind im Boxenlaufstall untergebracht, der mit Kompost eingestreut wird.

Als Substrat wird trockenes und feines Sägemehl aus Altholz verwendet. Die Tränkebecken sind im Fressgang so angebracht, dass keine Feuchtigkeit auf die Kompostmatratze gelangt. Das dreiteilige Pultdach mit Firstöffnungen von 1,50 Metern und 4 Metern sorgt für sehr gute Luftzirkulation.

2 Tag: 24. Oktober 2019 in Oberösterreich und Südbayern

4. Betrieb: Sabine und Rupert Oberholzner, Elixhausen in Oberösterreich

Der Biobetrieb von Sabine und Rupert Oberholzer produziert Heumilch, die über eine örtliche Genossenschaftskäserei vermarktet wird. Auf der Suche nach einem idealen Stallsystem für seine horntragenden Pinzgauer entdeckte der Betriebsleiter den Kompostierungsstall: ein Freilaufstall mit ausreichend Platz, ohne Sackgassen und mit hohem Kuhkomfort. Im Jahr 2016 baute er seinen neuen Stall in Bundwerkbauweise, der Platz für eine 40-köpfige Herde plus Zuchtstier und Nachzucht bietet. Rupert Oberholzer verwendet als Einstreu Hobelspäne, denen er bei Bedarf Dinkelspelzen und gelegentlich Miscanthus beimischt. Die Hobelspäne werden im Stall und in einem nahegelegenen Schuppen gelagert.

Die seitlichen Öffnungen im Stall sorgen zusammen mit der Firstbelüftung für eine sehr gute Luftzirkulation. Von der Kompostfläche aus gelangen die Tiere zum Laufhof, zusätzlich haben sie in den Sommermonaten Weidegang. Zweimal täglich wird die Kompostmatratze mit einem Feingrubber ca. 30 cm tief bearbeitet. Währenddessen werden die Tiere im Fressgitter fixiert.

5. Betrieb: Annemarie u. Hannes Weiß, Salzburg

Mit dem Stallneubau von 2017 wollten Annemarie und Hannes Weiß die Anbindehaltung aufgeben und für mehr Tierwohl sorgen. Gleichzeitig sollte den Hofnachfolgern, die auch Pferde halten, die Möglichkeit gegeben werden, den Stall flexibel zu nutzen. Entstanden ist ein 20 x 40 Meter großes Gebäude, das in edler Bauweise gedämmt wurde und sowohl als Kompostierungsstall als auch (mit geringem Umbauaufwand) als Reithalle funktioniert. Dort finden derzeit 32 Milchkühen plus Nachzucht Platz. Als Einstreu werden Sägespäne mit Beimischungen von Schilfrohr oder Blühflächen-Schnittgut verwendet. Die Unterflubelüftung wird nur zu Beginn eines neuen Turnus zugeschaltet.

Die offenen Längsseiten lassen sich auf der Südseite mit Schiebefenster schießen, auf der Nordseite mit Curtains. Das Kaltdach wurde mit Leimholzplatten hochwertig isoliert und ist mit einer Firstbelüftung ausgestattet. Die Durchgänge zum Fressgang wurden mit 80 cm x 25 cm großen Holztreppen versehen, über denen sich der Kompost anlagert. Typisch auch in diesem Kompostierungsstall: Lang hingestreckte, entspannt ruhende Kühe.

6. Betrieb: Anna und Johann Grad, Brannenburg in Oberbayern

Familie Grad bewirtschaftet den Hof in der 14. Generation. In beeindruckender Lage mit Blick auf das Inntal befindet sich der Kompostierungsstall. Er wurde 2015 für 60 Milchkühe gebaut, bietet 10 Quadratmeter Liegefläche pro Kuh und ist mit zwei Melkrobotern ausgestattet. Mit Fütterungsrobottern wird den Tieren siebenmal täglich Futter vorgelegt. Per gelenktem System gelangen die Kühe von Fressgang zu den Melkrobotern und von dort auf die Liegefläche. Nur die laktierenden Kühe stehen auf Kompost, Trockensteherinnen, Nachzucht und Zuchtstiere sind in den Altgebäuden im Boxenlaufstall untergebracht.

Im Stall ist ein angenehmer Geruch nach Fichtennadeln wahrnehmbar, der sich auch im Kompost wiederfindet: Johann Grad verwendet als Einstreu die Siebreste aus einer Hackschnitzeltrocknung, worin sich reichlich zerkleinerte Baumwipfel bzw. Fichtennadeln finden. Beim Fräsen entweicht Dampf - ein Zeichen für die hohe Prozesstemperatur in den unteren Kompostschichten. Trotz sehr guter Luftzirkulation werden im Sommer Ventilatoren benötigt.

C. Kretzer, P. Wagner und M. Müller - ALB, Freising im November 2019


Veranstalter

  • Fachzentren für Rinderhaltung in Bayern; stellvertretend Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) Schweinfurt
  • ALB Bayern e.V.