Dienstag, 27. Oktober 2020
Arbeitsgemeinschaft Landtechnik und Landwirtschaftliches Bauwesen in Bayern e.V.

Kuhgebundene Kälberhaltung

Rückblick auf eine eintägige Fachexkursion am 09. September 2020 in Haldenwang (Oberallgäu)

Seit mehreren Jahren zeigen Öko-Milchviehbetriebe ein zunehmendes Interesse an mutter- und ammengebundener Kälberaufzucht. Von Seiten der Verbraucher erfährt dieses Haltungsverfahren eine hohe Akzeptanz. Es gibt mittlerweile mehrere Initiativen für die Vermarktung von Fleisch aus kuhgebundener Kälberhaltung. Wie die Kombination aus Melken einerseits und Säugen des Kalbes an der Kuh andererseits gelingen kann haben zwei Landwirtsfamilien auf ihren Hofstellen im Allgäu vorgestellt. Die Teilnehmer, darunter gleichermaßen Landwirte, Berater, Planer, Vertreter aus Forschung sowie Multiplikatoren informierten sich vor Ort zu zwei unterschiedlichen Verfahren der kuhgebundenen Kälberhaltung und deren stallbaulichen Lösungen und diskutierten die Gegebenheiten gemeinsam mit Demeter-Berater Ulrich Mück. 40 Personen konnten an der Exkursion teilnehmen.

Kern dieses Haltungskonzepts ist eine möglichst natürliche Aufzucht der Kälber und deren anschließende Mast. Eine Abgabe der betriebseigenen Kälber durch einen anonymen konventionellen Viehhandel wollen die Milchviehhalter dadurch vermeiden. Im Sinne einer ganzheitlichen Rinderhaltung im Ökolandbau ist bei der Erzeugung von Milch und Fleisch ein ausgewogenes Verhältnis erforderlich.

Im Rahmen der Exkursion wurden auf zwei Betrieben sich unterscheidende Verfahren der kuhgebundenen Kälberhaltung vorgestellt. Außerdem konnten die jeweils dazu passenden stallbaulichen Lösungen besichtigt werden. Um die Aufzucht der betriebseigenen Kälber zu ermöglichen, wurden auf beiden Betrieben neue Stallbereiche gebaut.

Die Betriebsleiter berichteten aus ihren langjährigen Praxiserfahrungen und stellten die Ergebnisse ihrer Meisterarbeiten vor. In diesen wurden die jeweiligen Verfahren der kuhgebundenen Kälberaufzucht näher untersucht.

Die Exkursion wurde im Auftrag der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) vom Demeter Erzeugerring im Landeskuratorium für pflanzliche Erzeugung in Bayern e.V. (LKP) ausgerichtet und gemeinsam mit den Erzeugerringen Bioland, Naturland und Biokreis umgesetzt. Die ALB unterstützte als Kooperationspartner. Die Teilnahme war kostenlos. An-, Weiter- und Abreise erfolgten mit privaten PKWs.

Es folgt eine Beschreibung der besichtigten Betriebe mit Bildern und Impressionen.

Veranstalter und Fachberater Ulrich Mück vom Demeter Erzeugerring im Landeskuratorium für pflanzliche Erzeugung in Bayern e.V. (LKP)
Veranstalter und Fachberater Ulrich Mück vom Demeter Erzeugerring im Landeskuratorium für pflanzliche Erzeugung in Bayern e.V. (LKP)

Programmleitung: Ulrich Mück, Berater im Demeter-Erzeugerring

Herr Mück eröffnete die Exkursion mit einem aktuellen Blick auf die Situation der Kälberaufzucht an Bio-Milchviehbetrieben. Er erläuterte das Spannungsfeld der untrennbaren Koppelproduktion von Milch und Fleisch und betonte die Diskrepanzen zwischen hoher Nachfrage nach Bio-Milch einerseits und im Verhältnis dazu geringer Nachfrage nach Bio-Rindfleisch andererseits, sowie einer zunehmenden Forderung der Bio-Verbraucher nach naturnaher Kälberaufzucht an der Mutter.

Auch die vielerorts unbefriedigende Situation der Öko-Landwirte wurde verdeutlicht, die zum Großteil die nicht zur eigenen Nachzucht benötigten Kälber an einen anonymen, konventionellen Viehhandel und somit in die konventionelle Mast geben. Dies entspricht nicht dem Kreislaufgedanken und der Transparenz von geschlossenen Betriebskreisläufen des Ökolandbaus.

Herr Mück berichtet, dass es mittlerweile mehrere Initiativen in Bayern für die Aufzucht von Öko-Milchviehkälbern, die Mast und deren Fleischvermarktung gibt, z.B. KuhundKalb, Allgäuer Hornochs, BruderOx, Bio-Kalb Oberland, Riegseer Weideochs.

Zu dieser aktuellen Situation stellt Herr Mück etliche alternative Aufzucht- und Mastvarianten am Öko-Milchviehbetrieb oder mit Öko-Kooperationsbetrieben dar.

1. Betrieb: Josef und Andreas Schneid, Haldenwang

Außenansicht, Betrieb Schneid (Wannenhof)
Außenansicht, Betrieb Schneid (Wannenhof)
  • Demeter-Betrieb
  • 35 horntragende Milchkühe, Braunvieh
  • seit 2015 kuhgebundene Kälberaufzucht
  • Kälber 16 Wochen an der Kuh
  • eigener Stier
  • 39 ha Grünland, Vollweidehaltung
  • 2019 Neubau Tiefstreu-Laufstall
  • Heumilchbetrieb
  • Kalbfleischvermarktung ab Hof und über Demeter Heumilchbauern

2015 wurde bei bereits praktizierter saisonaler Frühjahrs-Abkalbung von Eimertränke auf kuhgebundene Kälberaufzucht umgestellt. Die vielen anfänglichen Versuche der folgenden Jahre waren auch aufgrund der stallbaulichen Situation (Kombinationshaltung im alten Anbindestall) stark geprägt von Improvisation, Experimentierfreude, Ausprobieren verschiedener Ansätze und einem gemeinsamen Sammeln von Lernerfahrungen mit Kühen und Kälbern. Letztlich mündete dieser Prozess dann in dem Stallbaukonzept des Neubaus im Jahr 2019.

Vom anfänglichen Ansatz “Gute Kühe melken, schlechte Kühe für die Kälber”, mit dem Ziel die älteren, weniger eutergesunden Zellzahl-Kühe als Amme zu nutzen, wurde aufgrund verschiedener Aspekte, wie erhöhtem Stress für Ammen durch mehrere Kälber und teilweise wunden Zitzen wieder abgerückt. Zudem wurde zunehmend gemäß dem Grundsatz “Die Kälber sind die Kühe von morgen” klar, dass die Nachzucht-Kälber nicht die schlechteste, sondern die beste Milch bekommen sollten.

Anschließend wurde die Haltung im kleinen Herdenverbund mit z.B. 8 Kälbern und 4 Kühen auf weiter entfernten Weideflächen getestet. Hier war der arbeitswirtschaftliche Vorteil groß, der Aufwand zur Tierkontrolle allerdings erhöht und die Nachzucht-Kälber wurden durch den geringen Mensch-Tier-Kontakt zu scheu für den langfristigen Umgang als Milchkuh. Um den natürlichen Bedürfnissen von Kalb und Kuh möglichst nahe zu kommen, wurde so Stück für Stück nicht nur die Weidehaltung und die Einbindung eines Zuchtstiers im Herdenverbund umgesetzt, sondern auch die Aufzucht der Kälber an die eigenen Mütter übertragen.

Andreas Schneid stellte den Exkursionsteilnehmern die Ergebnisse seiner Meisterarbeit an der Fachschule für Ökolandbau in Weilheim vor. Hierbei wurden sowohl die Wirtschaftlichkeit der Direktvermarktung des Kalbsfleisches, als auch zwei unterschiedliche Aufzuchtvarianten (Einmalmelker und Zweimalmelker) untersucht.

2. Betrieb: Manfred Gabler (Bioland), Haldenwang/Börwang

Aussenansicht, Betrieb Gabler
Aussenansicht, Betrieb Gabler

  • Bioland-Betrieb
  • 55 Milchkühe, Braunvieh
  • seit 2013 kuhgebundene Kälberaufzucht
  • Kälber 4 bzw. 12 Wochen an der Kuh
  • Eigener Stier
  • 60 ha Grünland, Weide
  • Liegeboxen-Laufstall
  • 2018 Stallanbau für kuhgebundene Kälberaufzucht

Der Biolandbetrieb Gabler wirtschaftet im Gegensatz zum Betrieb Schneid näher an der Arbeitsweise eines gewöhnlichen Biobetriebs. Im Sommer werden die Kühe durch Vollweide und geringe Heuzugabe sowie Kraftfutter versorgt. Außerhalb der Vegetationszeit wird die Grundfutterversorgung der Tiere zu ca. 60% mit Dürrfutter und zu ca. 40% mit Grassilage aus Tiefsilos gedeckt. Als Stall steht ein mehrhäusiges Gebäude zur Verfügung, welches aus einer Liegeboxenhalle mit angebautem neuen Kälberstall, einer Fresshalle und einem Melkbereich besteht. Der Stall umschließt einen Laufhof von drei Seiten.

Die Entwicklung des Betriebes hin zur muttergebundenen Kälberhaltung begann 2012. In den folgenden Jahren versuchte sich der Betriebsleiter immer wieder bei Einzeltieren an dieser Art der Aufzucht. Somit konnte er in dieser Zeit Erfahrung sammeln, welche in den Bau des 2018 fertig gestellten Kälberstalls eingeflossen ist. Seit 2019 werden alle Kälber bis auf schwierige Einzelfälle von der eigenen Mutter aufgezogen. Bei der Exkursion konnten alle Teilnehmer die Vorgehensweise der zweimal täglichen Zusammenführung von Kühen und Kälbern vor dem Melken im Laufhof verfolgen.


Weitere Informationen mit Zahlen und Fakten sollen in den nächsten Monaten veröffentlicht werden. Neben einer noch ausführlicheren Beschreibung der besuchten Betriebe wird dann auch auf die fachlichen Hauptkennbereiche wie Arbeitszeit, Mastleistung, Wirtschaftlichkeit und Kälber- bzw. Eutergesundheit eingegangen werden.

K. Elbs, P. Wagner - ALB, M. Urbauer, B. Zach - HSWT, Freising im September 2020


Veranstalter

  • Demeter Erzeugerring im Landeskuratorium für pflanzliche Erzeugung in Bayern e.V. (LKP)
  • Erzeugerringe Bioland, Naturland und Biokreis (Mitveranstalter)

Auftraggeber

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Institut für Ökologischen Landbau, Bodenkultur und Ressourcenschutz der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL)

Kooperationspartner

ALB Bayern e.V.