Montag, 21. Januar 2019
Arbeitsgemeinschaft Landtechnik und Landwirtschaftliches Bauwesen in Bayern e.V.

Hochmechanisierte Tierhaltung und Verwertung von Wirtschaftsdünger

Fachreise nach Niedersachsen von 6. auf 7. Juni 2016

An der zweitägigen Exkursion nahmen 30 Personen teil. Übergeordnetes Thema war "hochmechanisierte Tierhaltung und Verwertung von Wirtschaftsdünger". Bei dem Besuch der einzelnen Stationen kam insgesamt sehr deutlich zum Ausdruck, dass aufgrund begrenzter Flächen eine weitere Intensivierung der Landwirtschaft in Niedersachen mit vertretbarem Aufwand kaum noch möglich sein wird.

1. Station: Hof Rathjens - Sonja und Oliver Schewe in Oldendorf

Die Anreise nach Niedersachsen erfolgte in aller Frühe mit dem Flieger. Wir landeten bereits um 8.15 Uhr in Hamburg, sattelten am Flughafen auf einen komfortablen Reisebus um und erreichten unser erstes Exkursionsziel, den Hof Rathjens in Oldendorf ca. 40 km westlich von Hamburg noch am frühen Montagvormittag.

Das junge Ehepaar Sonja und Oliver Schewe bewirtschaftet den schweinehaltenden Betrieb mit transparenter Produktionsweise, emissionsarmen Ställen und KTBL-prämiertem, geschlossenem Energiekonzept mit voller Überzeugung und großer Leidenschaft. Der Betriebsleiter berichtet, dass die Pachtpreise wegen der Biogasproduktion in der Region vor kurzem noch bei bis zu 1.000 € je Hektar lagen. Aufgrund des geringen Milchpreises sinkt das Pachtpreisniveau jedoch seit einiger Zeit wieder in erheblichem Maße. Der Betrieb selbst zahlt für Pachtflächen 350 € je Hektar. Ab 1.500 Mastplätzen pro Betrieb sind in der Region Abluftwäscher Pflicht.

Der Landwirtschaftsbetrieb nimmt an einem Tierwohl-Label der Handelskette "Edeka" teil. Ziel ist es, bessere Erzeugerpreise zu erreichen (+5 Cent/kg). Die Auflagen bestehen im Vorhandensein von 1,5% Fensterflächen, Klimadach, Wasserdusche, Holzspielzeug und in der Zucht in 10% mehr Standraumzuteilung im Vergleich zu den gesetzlichen Mindestanforderungen. Außerdem bekommen die Tiere ständigen Zugang zu Rauhfutter, das sich in Jutesäcken befindet.

Schweinegülle muss zu Kosten von 2 € je Kubikmeter an drei Betriebe in der näheren und ferneren Umgebung abgegeben werden, insg. 1.900 Kubikmeter pro Jahr. Der Betrieb hat schweinegüllebedingt vor allem einen Phosphatüberschuss. Daher ist angedacht, Gülle mit einem Milchviebetrieb (bei Rindergülle ist der Phosphatgehalt deutlich geringer) kostenneutral zu tauschen.

Um in der Öffentlichkeit für Akzeptanz zu werben - die Familie bekommt den zunehmenden Druck der Gesellschaft durchaus zu spüren - haben sich Sonja und Oliver Schewe für eine transparente Produktionsweise mit Ferkelschaufenster entschieden.

Der Betrieb verfügt über ein geschlossenes Energiekonzept: Für die Ställe und die Futtertechnik wird viel elektrische Energie benötigt. Daher hat der Betrieb schon seit einigen Jahren ein erdgasbetriebenes Blockheizkraftwerk. Dieses erzeugt Wärme für die kleinen Ferkel im Abferkelstall und für das Wohnhaus. Gleichzeitig wird Strom erzeugt, welcher annähernd zu 100% selbst genutzt wird. Im Jahr 2011 wurde dann eine Photovoltaikanlage auf einem Stall installiert. Der produzierte Sonnenstrom konnte bisher zu ca. 65% selber genutzt werden. Es wird versucht, an sonnigen Tagen Getreide zu mahlen und Futter zu mischen. Außerdem kann Sonnenstrom auf dem Betrieb deshalb besonders gut zum Eigenbedarf erzeugt werden, weil die Lüftung in den Ställen genau dann besonders viel Strom benötigt (an warmen Sonnentagen), wenn die Produktion besonders hoch ist.

2. Station: Milchhof Stotel KG – Klaus Tietje in Loxstedt

Entwicklung und Perspektiven eines Milchviehbetriebes in Niedersachsen
Ein Reisebericht von Georg Ohmayer, Fachberater Landtechnik am AELF Kempten

Klaus Tietje mit einer Praktikantin aus Russland
Klaus Tietje mit einer Praktikantin aus Russland

Der gelernte Bankkaufmann Klaus Tietje hat 1991 einen Milchviehbetrieb mit 60 Milchkühen übernommen und diesen am Standort Stotel, 50 km südlich von Bremerhaven auf 190 Milchkühe aufgestockt. 2009 wurde der Betrieb an die Autobahnabfahrt Stotel ausgesiedelt. Dort wurden zunächst ein Stall mit 275 Milchkühen und 4 AMS, sowie eine Maschinenhalle und eine Siloplatte angelegt. 2014 kam der zweite, identische Stall mit 275 Milchkühen und 4 AMS dazu. Aktuell werden 740 Milchkühe gemolken. Die Jungkühe werden zugekauft, da alle Kälber reine Gebrauchskreuzungen sind und verkauft werden. Der Betrieb bewirtschaftet 550 ha im Übergangsbereich zwischen Geest und Marsch. Während der Ort Stotel auf einem Geestrücken 4 m über dem Meeresspiegel liegt, ist die umgebende Marschlandschaft zum Teil unter Meereshöhe. Die Niederschläge liegen bei 760 mm und die Böden der Marschlandschaft können örtlich nur stundenweise bearbeitet werden. Der Betrieb hat 150 ha Ackerland, 220 ha extensives Grünland und 180 ha intensives Grünland, mit 200 ha Eigentumsfläche. Die Pachtpreise liegen bei 250- 600 €/ha je nach Bonität. Die Kaufpreise liegen für Grünland bei 14.000 €/ha und für gutes Ackerland bei 30.000€/ha.

Schleppschuhtechnik zur Ausbringung separierter Dünngülle
Schleppschuhtechnik zur Ausbringung separierter Dünngülle

Mit Praktikanten, Teilzeit- und Vollzeitkräften stehen dem Milchviehbetrieb 10 Arbeitskräfte zur Verfügung. In Vollzeit sind zwei Herdenmanager und ein Technikleiter eingestellt. Zu den Arbeitsspitzen und für Erntearbeiten wird der Maschinenring hinzugezogen. Die Gülleausbringung erfolgt mit zwei 15m³ Schleppschuhfässern in Eigenregie. Die Gülle wird zum Teil mit gemieteter Technik separiert. Die dünne Phase wird auf Grünland und das Separat mit 26- 28% TS auf Ackerland ausgebracht. Die Separierung wirkt sich positiv auf die Ausbringung mit der Schleppschuhtechnik im Grünland aus.

Milchviehbetriebe in Niedersachsen haben größtenteils nur Siloplatten
Milchviehbetriebe in Niedersachsen haben größtenteils nur Siloplatten

Bei den Fremdarbeitskräften setzt Klaus Tietje auf gute Bezahlung und hohe Eigenverantwortung. Seit der Betrieb den Aussiedelungsstandort ausgebaut hat, übernimmt der Betriebsleiter ausschließlich das Management und überträgt die Verantwortung für die Produktionstechnik an die Herdenmanager und den Technikleiter. „Die Verantwortlichen vor Ort müssen selber Entscheidungen fällen, sonst kann ich die Arbeit gleich selbst machen und eine falsche Entscheidung meiner Mitarbeiter ist besser als gar keine Entscheidung“ sagt der Betriebsinhaber. Der geringe Personalwechsel und die Zufriedenheit der Mitarbeiter sind für Ihn eine Signal, dass diese Vorgehensweise richtig ist.

Klaus Tietje bezeichnet sich selbst als Zuerwerbslandwirt, da er noch über Beteiligungen an Milchviehbetrieben in Brandenburg und über Immobilien verfügt und meist nur 4 Tage in der Woche vor Ort ist. Die guten Milchpreise der letzten Jahre haben die Betriebsentwicklung stark beschleunigt. Der aktuell niedrige Milchpreis von 19,4 ct/kg Milch netto ohne Zuschläge führt durch die Fremdarbeitskräfte zu einem deutlich negativen Betriebsergebnis.

Die Baukosten liegen unter 5.000 € je Kuhplatz, da Schneelast keine Rolle spielt
Die Baukosten liegen unter 5.000 € je Kuhplatz, da Schneelast keine Rolle spielt

Die Milchvermarktung erfolgt über eine stillgelegte Molkerei in den neuen Bundesländern, wodurch bis zum Quotenende eine Optimierung der Liefermenge im Rahmen der Ost- und Westquote möglich war. Tietjen begegnet dem Preistief mit der Devise „ Liquidität vor Rentabilität“ und hält die Krise für eine Übergangserscheinung, die durch das Zusammentreffen der Faktoren Quotenende, Russlandembargo, Chinakrise und niedrigem Ölpreis ausgelöst wurde. Er setzt weiterhin auf Wachstum, wobei die Neugenehmigung von Ställen in der Region kaum noch möglich ist. Aktuell hat er drei Genehmigungsverfahren von Milchviehställen mit je 260 Milchkühen laufen. Größere Einheiten sind durch die Auflagen des Bundesimmissionsschutzgesetzes kaum noch genehmigungsfähig.

Optimierungspotential sahen die Berater der Besuchergruppe noch im Zubau einer Gülle-Biogasanlage und einer Eigenstrom-PV Anlage für die Stromversorgung der 8 AMS und der Milchkühlung.

3. Station: Lohnunternehmen Janssen KG in Rhede/ Ems

Lohnunternehmer Ingo Jansen
Lohnunternehmer Ingo Jansen
Die Janssen KG Rhede/Ems ist ein familiengeführtes Unternehmen in zweiter und dritter Generation. Das Unternehmen wird heute von Vater und Sohn mit Familie weitergeführt. Ingo Jansen ist 36 Jahre alt und koordiniert den Einsatz von 40 fest angestellten Mitarbeitern und von bis zu 40 saisonalen Aushilfskräften. Die Aushilfskräfte sind häufig auf landwirtschaftlichen Betrieben aufgewachsen, arbeiten heute überwiegend in nicht landwirtschaftlichen Bereichen und nehmen für ihre Aushilfstätigkeit gerne Urlaub. Das Unternehmen ist mit den Regionen Emsland, Ostfriesland und Ost-Groningen (NL) traditionell stark verwurzelt.

Die von der Jansen KG gemeinsam mit Landwirten entwickelte Spezialsoftware vereinfacht die Kommunikation und steigert die Effizienz gegenüber Standardsoftware
Die von der Jansen KG gemeinsam mit Landwirten entwickelte Spezialsoftware vereinfacht die Kommunikation und steigert die Effizienz gegenüber Standardsoftware

Der Schwerpunkt des modernen Lohnunternehmens besteht in der Spezialisierung der Gülleausbringung und der Transportlogistik. Satellitengestützte Landtechnik ist auf dem Betrieb seit mehreren Jahren Standard. Zur Optimierung von Arbeitsabläufen wurde gemeinsam mit Landwirten die Spezialsoftware "Effektives Feldmanagement" entwickelt. Der technisch-digitale Fortschritt dieser Eigenentwicklung besteht vor allem in der Vereinfachung der Kommunikation zu den einzelnen Einsatzkräften: Die Logistikzentrale ist vernetzt mit dem Maschinenführer auf dem Feld und der Maschinentechnik in Verbindung mit GPS-Koordinaten. Auf Wunsch wird der Kunde im Netzwerk mit eingebunden und über alle Abläufe der Arbeitsleistungen informiert.

Zur Steigerung der Schlagkraft gibt es Kooperationsgemeinschaften mit anderen, zum Teil auch weiter entfernten Lohnunternehmen. Die Jansens sind Unternehmer aus Leidenschaft - selbstversändlich mit der Absicht, ordentliche Gewinne zu erzielen: Sie verkaufen bewußt den Wert ihrer Leistung, nicht bloß dessen Aufwand.

In Papenburg sind wir direkt an der Meyer-Werft vorbeigefahren:

4. Station: Landwirtschaftsbetrieb Heinz Wessels in Haren

Der Ackerbaubetrieb "Heinz Wessels" befindet sich im Emsland, dass wegen eines geringen Grünlandanteils nur wenige Rinderbestände aufweist. Bzgl. Tierhaltung dominieren in der Region eindeutig Schweine und Geflügel. Bei Geflügel sind Nachfrage und dadurch bedingt auch die Preise aufgrund der hohen Flüchtlingszahlen innerhalb eines Jahres stark angestiegen. Ein weiterer Vorteil der Hähnchenmast ist die vergleichsweise hohe Transportwürdigkeit des Hähnchenmists. Der Mist geht Richtung Osten, die Abnehmer sind noch bereit dafür zu zahlen.

Der Betrieb "Wessels" besteht aus steuerlich mehrfach getrennten Einheiten mit rund 260 Sauen und angeschlossener Mast sowie einer Biogasanlage. Der Betrieb ist typisch für die Organisation landwirtschaftlicher Familienbetriebe in der Region Nordwestdeutschlands. Die Bewirtschaftung erfolgt durch Vater und Sohn. Ein Großteil der Biogasgülle wird über den Agro-Vermittlungsdienst Emsland (AVD) Bentheim GmbH (AVD) an ackerbaubetonte Betriebe abgegeben. Allerdings sind die Vermittlungskosten ganz erheblich, Ursache ist der extreme Dokumentationsaufwand. Der AVD berechnet Vermittlungsgebühren in Höhe von 6 € pro Kubikmeter Gülle. Das erhöht die Gesamtkosten bei der Abgabe von Gülle von 3 € auf 9 € pro Kubikmeter.

Die Grenzen zu den Niederlanden sind offen. Landwirte aus den Niederlanden zahlten deutschen Landwirten für die Abnahme von Schweinegülle in der Vergangenheit 16 € je Kubikmeter. Hierdurch hatte sich die Situation im Emsland vorübergehend wesentlich verschärft. In der Zwischenzeit wurde die Abgabe von den Niederlanden nach Deutschland durch das Bundesland Niedersachsen allerdings verboten.

Herr Arnold Krämer, Leiter der Bezirksstelle Emsland der Landwirtschaftskammer Niedersachsen begleitete uns während unserer Tour durch das Emsland und berichtete zu Rahmeninformationen der Landwirtschaft in der Region. Wegen Flächenknappheit kann die Landwirtschaft im Emsland in Summe nicht mehr wachsen. Kleinere Betriebe geraten zusehends unter Druck und müssen aufgeben. Die Investition in Abluftwäscher ist häufig nicht rentabel - deshalb werden keine neuen Ställe gebaut. Wachsende Betriebe kaufen bei Aufgabe benachbarter Betriebe vorhandene Ställe zu oder sie pachten. Verpächter / Vermieter verdienen in der anhaltenden Situation am besten - weitestgehend risikofrei!

5. Station: Fa. Hugo Vogelsang Maschinenbau GmbH in Essen / Oldenburg

Die Fa. Vogelsang ist ein führender Hersteller von innovativer Ausbringtechnik für Wirtschaftsdünger sowie Pump- und Zerkleinerungstechnik für Biogasanlagen. Nach Besichtigung des Werks wurden aktuelle Entwicklungstrends diskutiert.

Demnach ist das Standardverfahren heute die Ausbringung per Schleppschlauch. Voraussichtlich bleibt die Bedeutung bzgl. dieses Verfahrens bestehen. Die wesentlichen Vorteile sind:

  • Bodennähe
  • hohe Verteilgenauigkeit
  • Applizierbarkeit auch während Vegetationsphasen

Die Fa. Vogelsang rechnet fest damit, dass Wirtschaftsdünger in Zukunft zunehmend in den Boden eingearbeitet werden. Um Arbeitsverfahren wirtschaftlich und nachhaltig (bodenschonend - Bodendruck!) betreiben zu können, werden Transport und Ausbringung künftig immer mehr voneindander getrennt stattfinden.

Kartenübersicht

Fachreise der ALB Bayern (6. bis 7. Juni 2016, Niedersachsen): Hochmechanisierte Tierhaltung und Verwertung von Wirtschaftsdünger
Fachreise der ALB Bayern (6. bis 7. Juni 2016, Niedersachsen): Hochmechanisierte Tierhaltung und Verwertung von Wirtschaftsdünger

Unsere Reisegruppe

Nach der Mittagspause am ersten Tag
Nach der Mittagspause am ersten Tag

Wir bedanken uns bei allen Teilnehmern für Ihr Interesse und hoffen, es hat Ihnen gefallen!

Ihr Team der ALB Bayern e.V.


Die Durchführung der Studienreise erfolgte in Zusammenarbeit mit dem Veranstalter "ReiseService Vogt".